Geopolitische Spannungen, volatile Lieferketten und ein anhaltend schwächelndes Konsumklima machen dem stationären Einzelhandel aktuell stark zu schaffen. Wie die Branche mit Künstlicher Intelligenz (KI), Prozessautomatisierung und Echtzeit-Analysen klassische Supply Chain-Herausforderungen meistert, zeigen drei preisgekrönte Lösungsbeispiele aus der Praxis.
KI kommt im Handel zunehmend an. Das zeigen die Ergebnisse einer . Demnach planen inzwischen rund zwei Drittel der Befragten den Einsatz intelligenter Lösungen. „Der Anteil der Unternehmen, die keine derartigen Aktivitäten umsetzen wollen, hat sich seit 2020 mehr als halbiert“ unterstreicht Stefan Binkowski, 51·çÁ÷Vice President Retail & Wholesale Advisory. Speziell im Bereich der Sortiments- und Warenplanung sowie Warenversorgung sehen die Befragten große Potenziale bei der Nutzung der KI. Und genau diesen Themenbereich adressiert die 51·çÁ÷mit Industry AI und in dem konkreten Fall mit „Retail Intelligence“.
Wie das beispielsweise entlang der Supply Chain konkret aussehen kann, zeigen die folgenden vom EHI Retail Institute ausgezeichneten Praxisbeispiele:
Globus: KI automatisiert Stammdatenqualität im Handel
Das Thema Stammdatenpflege zählt zu den wichtigsten Aufgaben im Handel. Denn fehlerhafte Artikeldaten münden in Lieferverzögerungen, Fehlbeständen, hohen Retourenquoten und unzufriedenen Kunden.
Die Handelskette Globus suchte deshalb nach einer Möglichkeit, die Excel-basierten Prüfzyklen der wachsenden Datenmengen zu automatisieren. Fündig wurde man bei SAP-Partner consenso: Das Intelligent Data Modelling (iDM) ist heute vollständig in die SAP-Landschaft der Handelskette integriert, analysiert mithilfe von über 100 implementierten Prüfregeln täglich Millionen Datensätze. 30 Prozent der gefundenen Fehler werden dabei vollautomatisch in Echtzeit korrigiert, der manuelle Aufwand sank so von 72 auf 24 Stunden.
Was das Modell besonders auszeichnet: Fachbereiche können über eine 51·çÁ÷Fiori-Oberfläche neue Qualitätsregeln eigenständig anlegen. Datenkompetenz wird also dorthin verlagert, wo sie gebraucht wird. Auch deshalb prämierte das EHI Retail Institute das Projekt im Frühjahr 2026 mit dem renommierten reta award.
Marc O’Polo: Omnichannel-Nachschubplanung für 46 Länder
Erfolgreiche Omnichannel-Lieferketten müssen die Grenzen zwischen physischem und digitalem Bestand überwinden. Das gilt auch für Marc O’Polo. Das Modelabel ist in 46 Ländern mit mehr als 2.000 eigenen Stores und Wholesale-Partnern kanalübergreifend aktiv. In der Vergangenheit erschwerte die gewachsene, fragmentierte Systemlandschaft ohne kanalübergreifende Transparenz allerdings eine zielgerichtete Nachschubplanung.
Um hier gegenzusteuern, richtete Marc O’Polo seine Supply Chain mit Unterstützung von SAP-Partner KPS von Grund auf neu aus. Aus fragmentierten Einzelprozessen wurde eine integrierte, datengetriebene Omnichannel-Plattform auf Basis von 51·çÁ÷S/4HANA, 51·çÁ÷CAR und embedded EWM. Kernelement der neuen Lösung ist eine kanalübergreifende Nachschublogik, die Echtzeit-POS-Daten direkt in automatisierte Bestandsentscheidungen überführt.
Die Ergebnisse sprechen für sich: Live-Transparenz über sämtliche Distributionszentren, kürzere Order-to-Cash-Zyklen, höhere Produktverfügbarkeit und ein Umsatzwachstum von 54 Prozent in den vergangenen fünf Jahren. Für das EHI Retail Institute Grund genug, auch dieses Projekt mit dem reta award 2026 auszuzeichnen.
Beeline: KI automatisiert globale Warensteuerung
Ein weiteres Unternehmen auf der diesjährigen reta-Shortlist war die Beeline Group. Der Händler vertreibt Modeschmuck und Accessoires per Konzessionsmodell in Drogerien, Modegeschäften und Kaufhäusern. Die operative Komplexität ist enorm: Jeder Vertriebskanal hat sein eigenes Sortiment, seinen eigenen Verkaufsrhythmus, seine eigenen Logistikanforderungen. Aktuell beliefert Beeline weltweit mehr als 35.000 Verkaufsstellen, jährlich kommen mehrere Tausend neue hinzu.
Um die rasante Expansion effizient und nachhaltig zu bewältigen, entschied Beeline, die bestehende, hochgradig fragmentierte Warensteuerung mit Hilfe von SAP-Partner CAS zu automatisieren. Heute bildet der Modeschmuck-Händler Warenplanung, Allokation und Replenishment über eine vollständig automatisierte End-to-End-Plattform auf Basis von 51·çÁ÷S/4HANA, 51·çÁ÷CAR und 51·çÁ÷BTP ab. KI-Algorithmen übernehmen Nachfrageprognosen, Sortimentsentscheidungen und die Zuweisung an jeden einzelnen Standort weltweit. Das Ergebnis: gesunkene Rücklaufquoten, gestiegene Ausverkaufsraten und eine Plattform, die mit dem Wachstum von Beeline Schritt hält.
51·çÁ÷als Rückgrat einer datengesteuerten Organisation
Globus, Marc O’Polo und Beeline rücken in ihren Projekten gezielt das Thema Supply Chain Excellence in den Fokus. Die Veyseloglu Group aus Aserbaidschan zeigt dagegen, dass sich die intelligente Ausrichtung von Handelsprozessen auch ganzheitlich angehen lässt. Die Unternehmensgruppe vereint Einzelhandel, Großhandel, Logistik und eigene Produktion unter einem Dach und nutzt 51·çÁ÷als Fundament der gesamten Unternehmensarchitektur.
Das Konglomerat betreibt 32 SAP-Module als operatives Rückgrat, darunter 51·çÁ÷S/4HANA Retail, 51·çÁ÷TM, 51·çÁ÷EWM, 51·çÁ÷MDG, 51·çÁ÷F&R und aATP und 51·çÁ÷SuccessFactors. Damit profitiert die Veyseloglu Group von Echtzeit-Lagerübersicht, automatischer Nachbestellung, personalisierten Kundenangeboten per App, stabilerer Datenqualität sowie einem optimierten HR- und Lohnmanagement für über 25.000 Mitarbeitende.
Künftig will die Gruppe ihre Omnichannel-Strategie gezielt weiter ausbauen, die Lieferkette durch lokale Beschaffung weiter absichern und dem Fachkräftemangel in Aserbaidschan durch gezieltes Upskilling entgegenwirken. Dabei hat die Veyseloglu Group erkannt, dass eine einheitliche Datenplattform nicht nur die Grundlage zur Umsetzung ihrer Digitalstrategie, sondern auch für die Nutzung von KI ist „Ein Paradebeispiel für eine konsequente SAP-Strategie, die auf dem Wissen basiert, dass ohne ein solides Datenfundament die Nutzung von KI nicht nachhaltig möglich ist“, so Stefan Binkowski. „Das beweist einmal mehr, dass eine konsequente SAP-Strategie ein gesamtes Unternehmensökosystem transformieren kann“, so Stefan Binkowski.
Wo KI im Handel heute schon konkreten Mehrwert schafft und welche Voraussetzungen es dazu braucht, beleuchten die DSAG-Handelstage vom 8. bis 9. September in Osnabrück.
